Ein Runen-Tattoo ist in Deutschland nicht grundsätzlich verboten, und auch ein Adler als Motiv macht sich nicht automatisch strafbar. Strafbar nach § 86a StGB sind ausschließlich die Kennzeichen bestimmter Organisationen, die als verfassungswidrig oder verboten eingestuft sind – nicht eine Bildkategorie wie „eine Rune" oder „ein Adler" als solche. Wer sich für ein Vegvisir, einen Valknut oder ein vollständiges Runenalphabet interessiert, bewegt sich damit in aller Regel weit entfernt von den wenigen Zeichen, um die es im Gesetz tatsächlich geht. Dieser Artikel ordnet ein, was § 86a StGB abdeckt, welche Symbole tatsächlich riskant sind und warum die gängigen nordischen Motive meist unbedenklich bleiben. Er ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.
- Das Gesetz zielt auf Organisationen, nicht auf Bildmotive: § 86a StGB verbietet die Kennzeichen konkreter verbotener Gruppen, nicht Runen oder Adler als Kategorie.
- Drei Symbole mit echtem Risiko: die Wolfsangel, die von der SS umgestaltete Odal-Rune und die „Schwarze Sonne" werden von Gerichten regelmäßig als Kennzeichen eingestuft.
- Der Bundesadler ist unproblematisch: Er wurde 1919 bewusst vom späteren Reichsadler mit Hakenkreuz abgegrenzt und ist das aktuelle, uneingeschränkt zulässige Staatssymbol.
- Vegvisir, Valknut und ein Runenalphabet haben eine eigene Geschichte: Sie lassen sich bis in isländische Volksmagie beziehungsweise die historische Schrift der Wikingerzeit zurückverfolgen, ohne Berührungspunkt mit nationalsozialistischer Symbolik.
Was § 86a StGB tatsächlich verbietet
§ 86a StGB stellt das Verbreiten oder öffentliche Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen unter Strafe – gemeint sind Flaggen, Abzeichen, Uniformteile, Parolen, Grußformen und Zeichen, die einem solchen Kennzeichen zum Verwechseln ähnlich sehen. Wer dagegen verstößt, riskiert eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe (Quelle: § 86a StGB, gesetze-im-internet.de).
Entscheidend ist, woran das Gesetz anknüpft: an das konkrete Kennzeichen einer in § 86 genannten, verbotenen oder für verfassungswidrig erklärten Organisation. Eine Rune ist als Schriftzeichen kein Kennzeichen einer Organisation, ein Adler ist als heraldisches Motiv keines – strafbar wird es erst, wenn ein Zeichen tatsächlich einer bestimmten Gruppe zugeordnet ist oder ihr zum Verwechseln ähnelt. Diese Unterscheidung erklärt, warum die folgenden Abschnitte nicht „Runen" oder „Adler" pauschal behandeln, sondern einzelne, konkret benannte Zeichen.
Über Grenzfälle entscheiden am Ende Gerichte, und zwar anhand des jeweiligen Einzelfalls: wie ein Zeichen gestaltet ist, in welchem Zusammenhang es gezeigt wird und ob eine Verwechslungsgefahr mit einem tatsächlich verbotenen Kennzeichen besteht. Dieser Artikel liefert dafür den historischen und rechtlichen Hintergrund, ersetzt aber keine Einschätzung durch eine Anwältin oder einen Anwalt im konkreten Fall.
Welche Runen- und Wikinger-Symbole wirklich riskant sind
Die Wolfsangel war ursprünglich eine mittelalterliche Jagdfalle gegen Wölfe und fand als solche Eingang in zahlreiche Stadt- und Familienwappen. Im Nationalsozialismus übernahmen mehrere SS-Divisionen, darunter die Division „Das Reich", die Wolfsangel als Verbandsabzeichen, und rechtsextreme Gruppen griffen das Zeichen später erneut auf. Gerichte stufen die Wolfsangel deshalb überwiegend als strafbares Kennzeichen nach § 86a StGB ein (Quelle: Wolfsangel, Wikipedia). Ein Oberlandesgericht in Brandenburg hat allerdings anerkannt, dass dieselbe Form auch in kommunalen Wappen und bei der Bundeswehr legitim fortbesteht – die Beurteilung hängt also auch hier vom konkreten Kontext ab, in dem das Zeichen auftaucht.
Die Odal-Rune, der 24. und letzte Buchstabe des älteren Futhark, bedeutet ursprünglich „ererbter Besitz" und gehört zum ganz normalen Bestand der historischen Runenreihe. Problematisch ist nicht diese Rune selbst, sondern eine von der SS umgestaltete Variante, die das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS als Abzeichen für Organisationen wie die Hitlerjugend und die 7. SS-Gebirgsdivision entwickelte. Die strafrechtliche Relevanz hängt an diesem spezifischen Abzeichen bestimmter Organisationen, nicht an der historischen Rune als solcher (Quelle: Odal-Rune, Wikipedia).
Die „Schwarze Sonne" (auch Sonnenrad genannt) geht auf ein Bodenornament zurück, das zwischen 1938 und 1943 in der SS-Ordensburg Wewelsburg angelegt wurde. Ab den 1990er-Jahren verbreitete sie sich in neonazistischen und rechtsesoterischen Kreisen als Ersatzsymbol für das Hakenkreuz (Quelle: Schwarze Sonne, Wikipedia). Wegen dieser Geschichte gehört sie zu den Zeichen, bei denen ein tätowiertes Motiv ernsthafte rechtliche Fragen aufwirft, selbst wenn es sich formal nicht um das Hakenkreuz handelt.
Warum „derselbe" Symbolumriss unterschiedlich beurteilt werden kann
Alle drei Beispiele zeigen dasselbe Muster: Eine Form existierte vor dem Nationalsozialismus, wurde von einer bestimmten Organisation als Abzeichen übernommen oder eigens dafür umgestaltet, und genau diese organisatorische Zuordnung begründet die Strafbarkeit nach § 86a StGB, nicht die geometrische Form an sich. Deshalb kann eine Wolfsangel im Stadtwappen zulässig sein und dieselbe Form als Abzeichen in einem erkennbar rechtsextremen Zusammenhang nicht, und deshalb unterscheidet das Gesetz zwischen der historischen Odal-Rune und der SS-Variante. Für die Einordnung eines Tattoo-Entwurfs zählt also, welches konkrete Zeichen und welcher Entstehungs- und Verwendungszusammenhang gemeint ist, und nicht nur, wie das fertige Motiv aussieht.
Reichsadler, Bundesadler und der Unterschied, der zählt
Der Adler als Herrschaftssymbol reicht bis zu den Feldzeichen der römischen Legionen zurück und begleitete seither die Wappen des Heiligen Römischen Reichs, des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik, lange bevor es den Nationalsozialismus überhaupt gab. Ein Adler ist damit historisch ein breit geteiltes heraldisches Motiv und kein Erkennungszeichen einer einzelnen Organisation.
1935 ordnete der nationalsozialistische Staat einen eigenen Hoheitsadler an, der den Adler mit einem Hakenkreuz in einem Eichenkranz kombinierte. Genau diese Kombination aus Adler und Hakenkreuz macht das Zeichen zu einem Kennzeichen im Sinne von § 86a StGB, nicht der Adler für sich genommen (Quelle: Reichsadler, Wikipedia).
Der heutige Bundesadler wurde bereits 1919 bewusst so gestaltet, dass er sich deutlich vom älteren monarchischen Reichsadler absetzt, und entwickelte sich unabhängig vom Hoheitsadler der NS-Zeit weiter. Als schlichter heraldischer Adler ohne Hakenkreuz ist er das aktuelle Staatssymbol der Bundesrepublik und rechtlich uneingeschränkt verwendbar. Fragen rund um „deutscher Adler" oder „Bundesadler als Tattoo" betreffen damit ein Motiv, das sich klar von der NS-Kombination aus Adler und Hakenkreuz unterscheidet.
Warum Vegvisir, Valknut und ein Runenalphabet meist unbedenklich sind
Das Vegvisir ist ein isländischer Galdrastafur (Zauberstab), der erstmals 1860 im Huld-Manuskript dokumentiert wurde und einem Reisenden helfen sollte, sich bei Sturm nicht zu verirren. Die überlieferte Geschichte des Zeichens hat keine Berührungspunkte mit nationalsozialistischer Symbolik (Quelle: Vegvísir, Wikipedia). Das Design Vegvísir aus dem Katalog zeigt genau dieses Motiv als eigenständiges Schutzsymbol mit acht runenartigen Armen.

Ein vollständiges Runenalphabet, wie es das Design Alfabet Runic zeigt, funktioniert als historische Schrift: Es stellt die Zeichenreihe des älteren Futhark dar, so wie ein lateinisches Alphabet als Schrift gilt und nicht als Symbol einer bestimmten Gruppe. Genau diese Funktion als Schrift beziehungsweise dekoratives Kulturmotiv unterscheidet eine Rune im Alphabet von einem als Organisationsabzeichen verwendeten Einzelzeichen wie der SS-Variante der Odal-Rune.

Der Valknut, das Motiv aus drei ineinander verschlungenen Dreiecken, folgt derselben Logik: Es gehört zur nordischen Mythologie rund um Odin und wird mit Leben, Tod und Schicksal in Verbindung gebracht, ohne dass sich daraus eine Verbindung zu einer verbotenen Organisation ergibt. Auch ein Design wie Zborul Nordic, das ein Vegvisir mit Adlerschwingen und zwei Raben kombiniert, bleibt in dieser Lesart unproblematisch: Weder die einzelnen Elemente noch ihre Kombination entsprechen einem bekannten Organisationskennzeichen.
Wie du eine sichere Entscheidung triffst, ohne dass dir hier Rechtsberatung gegeben wird
Für die rechtliche Einordnung zählt am Ende mehr als die reine Umrisslinie eines Motivs. Dieselbe Form liest sich anders, wenn sie als historische Schrift, als kommunales Wappen oder als persönliches Motiv nordischer Mythologie auftritt, als wenn sie erkennbar das Abzeichen einer Organisation nachbildet oder mit anderer rechtsextremer Bildsprache kombiniert wird. Die in diesem Artikel beschriebenen Beispiele – Vegvisir, Valknut, ein dekoratives Runenalphabet – fallen nach ihrer dokumentierten Geschichte eindeutig in die erste Kategorie.
Wann du wirklich eine Anwältin oder einen Anwalt fragen solltest
Sobald ein Entwurf erkennbar das spezifische Abzeichen einer bekannten verbotenen Organisation nachstellt, etwa die SS-Variante der Odal-Rune, die Wolfsangel in einem entsprechenden Kontext oder die Schwarze Sonne, und nicht einfach „eine Rune" im Allgemeinen, ist das genau der Fall, in dem eine Rechtsanwältin oder ein Rechtsanwalt konsultiert werden sollte, statt sich auf einen Überblicksartikel wie diesen zu verlassen. Auch stilisierte oder abgewandelte Varianten eines bekannten Kennzeichens können je nach Einzelfall unter § 86a StGB fallen.
Für die gängigen nordischen Motive aus diesem Artikel bietet sich ein anderer, ganz praktischer nächster Schritt an: ein temporäres oder semipermanentes Design zunächst zu Hause aufzutragen und die genaue Linienführung, Größe und Platzierung auf der eigenen Haut zu betrachten, bevor eine permanente Entscheidung ansteht. Wie du dafür Motiv und Platzierung passend auswählst, erklärt ein eigener Leitfaden. Wer sich generell für nordische und mythologische Motive interessiert, findet in der Übersicht zu Fantasie- und Mythologie-Tattoos weitere Hintergründe, und wer sich zusätzlich für die rechtliche Seite anderer Tattoo-Motive interessiert, für den ordnet der Artikel zu Organspende-Tattoos und was rechtlich zählt ein verwandtes Thema ein. Die vollständige Viking-Kollektion im Katalog bündelt Vegvisir-, Valknut- und Runen-Designs, an denen sich verschiedene Varianten direkt vergleichen lassen.


